Alter Bahnhof

Im Mai 1962 begann der Rückbau der Lokalbahnlinie von Wendelstein nach Feucht

Vor 50 Jahren kam das endgültige Aus für die „Lokalbahn“

Wendelstein - Zwei Sandsteingebäude, eine alte Mauer und der Straßennamen „Am Alten Bahnhof“ in der Siedlung oberhalb des Wendelsteiner Kanalhafens - das sind neben einer Gebäudeaufschrift „Bahnhofsrestauration“ in der Nürnberger Straße die letzten Zeitzeugen, die an Wendelsteins große Zeiten als Ort mit eigenem Bahnanschluss erinnern. Im Mai 1962, vor genau 50 Jahren wurden nach jahrelangen Bemühungen um den Erhalt der Nebenbahnlinie, die Gleise am Wendelsteiner Bahnhof abgebaut - der Beginn für den kompletten Rückbau der Bahnlinie, die seit ihrer Eröffnung 1886 Bayerns kürzeste Lokalbahnlinie war.

„Ein Bahnhof ist entgleist“, so betitelte das Schwabacher Tagblatt im Mai 1962 den Artikel, der über den Beginn der Rückbauarbeiten berichtete und damit die endgültige Stillegung der Lokalbahnlinie von Wendelstein über Röthenbach St.Wolfgang nach Feucht bedeutete. 76 Jahre nach ihrer feierlichen Eröffnung im August 1886 endete damit die Ära, als Wendelstein einen eigenen Bahnanschluß hatte und zugleich als bleibendes Kuriosum der bayerischen Eisenbahngeschichte die kürzeste Lokalbahn in ganz Bayern mit gerade einmal 5,3 km Streckenlänge mit 20 Minuten Fahrtzeit vom Endbahnhof in Wendelstein bis zum Umsteigebahnhof in Feucht.
Der kurze Rückblick in die Hintergründe um die Entstehung zeigt die Besonderheit der Bahnlinie: Vor allem wegen der nahen Steinbrüche und wegen der eingeschränkten Transportmöglichkeiten der Sandsteinprodukte mit den Treidelsschiffen auf dem Kanal bemühte sich die Gemeinde Wendelstein seit 1860 schon um den Bau einer Bahnlinie ab Wendelstein. Als mögliche Streckenführung arbeitete die Gemeinde unter Bürgermeister und Steinbruchbesitzer Wilhelm Jegel I. zwei Alternativen aus: Entweder von Wendelstein aus über „Zollhaus“ zum Dutzendteich und weiter bis zum Hauptbahnhof oder als kurze Stichstrecke von Wendelstein bis nach Feucht.

Probleme bei der Streckenführung zum Dutzendteich
Da der Anstieg oder als Alternative dazu der Durchstich für eine Strecke am 30m hohen Berg bei Zollhaus als zu kostenintensiv erschien, wurde 1879 in der entscheidenden Petition an den bayerischen Landtag die flache Strecke einer Stichbahn am Ludwigs-Kanal entlang und durch den Reichswald von Wendelstein über Röthenbach St.Wolfgang nach Feucht favorisiert. Dort war der Anschluss an die Hauptlinie Nürnberg-Regensburg möglich. 1882 wurde der Petition stattgegeben und die Planungen an das Verkehrsministerium weitergeleitet. Dieses führte 1883/84 die Projektierung durch und legte den Beschlussvorschlag zum Bau im Oktober 1884 dem Landtag vor.
In Wendelstein sollte demnach der Endbahnhof mit Stationsgebäude, Lokschuppen und Güterschuppen mit drei Gleisen entstehen, in Röthenbach St.Wolfgang eine Lager- und Wartehalle mit Abstellgleis und in Feucht am Bahnhof führte das Lokalbahngleis zur Hauptgleisanlage. Da jedoch das Kanalamt zunächst noch Probleme mit dem Bahnbau direkt am Kanal und Kanalhafen sah, verzögerte sich der Bau bis 1886. Erst im April 1886 begann deshalb der Bau selbst und war bereits im Juli 1886 soweit, daß eine Probefahrt stattfinden konnte. Am 1.August 1886 wurde die Lokalbahnstrecke offiziell und mit einer großen Feier dann vorgestellt.

Bahnlinie fuhr bis in die 1950er Jahre Gewinne ein
Nach der Eröffnung galt die Bahnlinie trotz ihrer kurzen Strecke über Jahrzehnte als eine der rentabelsten in der Region. Unter der Woche konnten die Pendler nach Nürnberg zunächst dreimal täglich und 1907 schon sechsmal pro Tag den Zug nutzen und für die „Städterer“, die an den Wochenenden das Umland unsicher machten, fuhren an den Wochenenden vor und nach 1900 sogar bis zu acht Zuggarnituren. Nach 1945 war die Lokalbahn das wichtigste Transportmittel für die Wendelsteiner, um nach Nürnberg zu kommen und so fuhr 1948/49 an den Wochentagen der Zug achtmal nach Feucht und zurück, davon einmal sogar als Direktzug von Wendelstein bis zum Hauptbahnhof in Nürnberg.
Die einfache Fahrtzeit betrug 20 Minuten und kostete um 1900 gerade einmal 30 Pfennige für die II.Klasse und 30 Pfennige für die III.Klasse. Um 1950 kostete die einfache Fahrt 1-, DM und die Hin- und Rückfahrt 1,20 DM. Die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung nach 1950 ließ jedoch bis 1954 die Bahn vom gewinnbringenden erfolgreichen Bahnbetrieb zum Zuschussbetrieb werden. Im März 1954 beschloss die Bundesbahn deshalb, den Personentransport auf der Lokalbahnlinie im Folgejahr einzustellen. Mit der Einführung des Sommerfahrplans im Mai 1955 übernahm eine neugeschaffene Bahnbuslinie daher den Personentransport.

Der Bahnbetrieb zwischen Hoffen und Bangen von 1955 bis 1961
Trotz der Einstellung des Personentransports blieb es auf der Lokalbahnlinie „lebendig“, denn der Gütertransport fand weiterhin statt. Und daß Ausnahmen immer noch möglich waren, belegt eine Meldung im Schwabacher Tagblatt vom Dezember 1955: Wegen starken Glatteises wurden am 14. und 15. Dezember nochmals Personenzüge auf der Lokalbahn eingesetzt. 1957 war es dann am 7. Juli der „Besuch“ von Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seinem Zug im Bahnhof und ein zweiter Aufenthalt von Adenauers Zug im Wendelsteiner Bahnhof am 11. September, der für die hiesige Bevölkerung in besonderer Erinnerung blieb.
Diese zwei Besuche gaben später den Anstoß zu ungewöhnlichen Aktionen der hiesigen Kommunalpolitiker, als 1959 die Bundesbahn erstmals ankündigte, im Herbst 1959 auch den Güterverkehr auf der Schiene einzustellen. Zusammen mit dem Schwabacher Landrat Eugen Tanhauser richten die Bürgermeister von Wendelstein, Röthenbach St.Wolfgang, Klein- und Großschwarzenlohe sowie Raubersried daraufhin eine Petition an den bayerischen Landtag. Auf Druck des Landtags gab die Nürnberger Bahndirektion damals nochmals nach, verlängerte den Gütertransport aber nur um zwei Jahre bis zum Sommer 1961.

Adenauer rettet 1960 den Bahnbetrieb um ein weiteres Jahr
Schon im Januar 1960 aber beschließt die Bundesbahn wegen sinkender Stückgutzahlen beim Gütertransport auf der Lokalbahnlinie ab Wendelstein, auch den Gütertransport im gleichen Jahr einzustellen. Diesmal reichte eine erneute Petition an den Landtag nicht, deshalb reiste noch im Januar 1960 eine Delegation der Gemeinde Wendelstein mit Bürgermeister Johann Trinker an der Spitze nach Bonn, um beim Verkehrsminister vorzusprechen. Minister Seebohm war jedoch nicht anzutreffen und mit viel Glück gelang es der Delegation, einen Termin bei Konrad Adenauer zu ergattern und ihm die Probleme mit dem Bahnbetrieb zu erläutern.
Der Bundeskanzler nahm sich tatsächlich nach dem Termin der Sache persönlich an und erreichte, daß sich die Bundesbahn verpflichtete, den Gütertransport regulär bis zum Herbst 1961 durchzuführen. Zum 1.September 1961 endete jedoch die Pflicht der Bundesbahn, weiterhin den Gütertransport auf der Bahnlinie Wendelstein-Feucht aufrecht zu erhalten und im Hinblick auf die Zukunft der Lokalbahn stellte die Bahnverwaltung die Gemeinde Wendelstein im Herbst 1961 vor eine schwierige Wahl, um einen Weiterbetrieb der Bahn zu ermöglichen: Die Gemeinde konnte unter drei Konzepten auswählen, die alle jedoch problematisch waren.

Bundesbahn stellte 1961 unerfüllbare Bedingungen zum Streckenerhalt
Das erste Konzept sah vor, daß die Gemeinde alle Gebäude der Bahnlinie samt Gleiskörper kauft und für deren Unterhalt sorgt und die Bahn selbst nur noch die Strecke bei Bedarf befährt. Kaum besser war die zweite Idee, wonach die Gemeinde sich zu 50 % am Gesamtunterhalt der Bahnstrecke beteiligen sollte und zusätzlich die entstehenden Fehlbeträge ausgleichen sollte. Am weitesten ging der dritte Vorschlag, der den Kauf der gesamten Bahnanlage vorsah. Damit wäre die Gemeinde die neue Besitzerin geworden und hätte als Träger einer Privatbahn dem Wirtschaftsministerium die Bahnaufsicht überlassen müssen.
Die damals zugleich mit anderen wichtigen Infrastrukturmaßnahmen wie dem Straßen-, Siedlungs- und Versorgungsleitungsbau genug ausgelastete Gemeinde Wendelstein hätte zu dieser Zeit keines der Konzepte der Bundesbahn annehmen können. Deshalb lehnte der Gemeinderat im November 1961 schweren Herzens die Übernahme der Lokalbahnlinie zu deren weiterem Erhalt und Betrieb ab. Mit Beginn des Sommerfahrplans 1962 begann daher der Rückbau der Gleise vom Bahnhof Wendelstein aus und später wurde die alte Bahntrasse durch den Wald zum Bau der neuen Straße von Wendelstein über Röthenbach St.Wolfgang zur A 73 mitbenutzt.

(jör)


(Archiv Ruthrof): Die Einfahrt in den Bahnhof Wendelstein um 1955 mit dem Stationsgebäude links.


(Archiv Ruthrof): Der Bahnhof Wendelstein um 1960, als nur noch der Gütertransport
auf der Lokalbahnlinie stattfand.


(Archiv Ruthrof): Noch um 1920 warb Wendelstein sogar auf den Postkarten
mit einer Bahnhofsabbildung (oben rechts) für sich.



(Archiv Ruthrof): 1989 - noch vor der Renovierung -
erinnerten nur noch das Stationsgebäude und der Lokschuppen
an Wendelsteins Lokalbahnlinie nach Feucht.